Was bedeutet es Künstler*in zu sein?



Zusammenfassung der Diskussion im Rahmen der KUNSTGESPRÄCHSREIHE beim KUNST.RAUM.STEGLIZ. e.V.


5.12.18


KÜNSTLERBEGRIFF


Es zeigten sich zwei verschiedene Verständnisse vom Künstlerbegriff:

“Jeder Mensch ist auf seine Weise ein Künstler; wenn er schöpferisch tätig ist, wenn er spielt oder arbeitet...".

Künstler zu sein heißt sich kreativ mit der Welt auseinanderzusetzen, das Leben aktiv zu gestalten. In diesem Sinne jeder Mensch ist Künstler*in.


VS.

"Künstler üben eine spezifische Tätigkeit aus und zwar (Kunst)Werke zu schaffen.”

Kunst ist ein spezifisches Arbeitsfeld. Künstler setzen den schöpferischen Akt im Zentrum ihres Tun. Sie schaffen Werke um sich auszudrucken, um an die Welt dadurch teilzuhaben, um Kultur zu schaffen.



KÜNSTLERIDENTITÄT


Wie konstituiert sich die künstlerische Identität? Ab wann bezeichnet man sich als Künstler*in?


Wie alle Identitäten, konstituiert sich auch die Künstleridentität in der Wechselbeziehung zwischen ICH und ANDEREN.

Die Selbsterkennung als Künstler*in ergibt sich primär aus dem stetigen Tun. Im fortlaufenden Arbeitsprozess entdeckt man sich als Künstler*in.


Die Eigenidentifikation wird durch die Anerkennung Anderer befestigt.

„Die Andere“ sind keine unförmige Menschenmasse, sondern sind in differenzierten Sozialgruppen, z.B. Familie, Kollegen, Kunstkäufer, Fachleute, geteilt.


Die Anerkennung jeder dieser Sozialgruppen hat verschiedene Auswirkungen und Gewichtungen in der Konstitution der Künstleridentität.

Gewiss wirkt die Anerkennung des intimen Menschenkreisen nicht gleich als die von Kollegen, Kunstkäufer und Fachleuten.


Für jede Konstitution von Künstlerschaft sind bereits bestehende Vorstellungen davon, was ein Künstler in Verhältnis zu anderen ist oder macht entscheidend.

Der Auftritt als Künstler vollzieht sich als identitärer Prozess, der eigen- und fremdproduzierte Bilder gegeneinander abgleicht.“


KÜNSTLERISCHE VERORTUNG


Wo verorte ich mich als Künstler*in im Kunstfeld?


Innerhalb des Kunstfeldes coexistieren verschiedene „Welten“. Sich darin zu verorten ist nicht leicht. Existente Kategorien wie Hobby, Semiprofessionell, Professionell sind stark beladen, zwielichtig und werden daher ungern verwendet. Konstruktiver als in solchen Kategorien zu denken, ist eigene Motivationen und Ansprüche zu reflektieren und zu klären. Z.B.:


- Mein Anspruch ist mich frei auszudrucken und mit meinen Werken andere Menschen zu berühren

Ich fühle mich als Künstler*in wohl, wenn ich unabhängig von äußeren Druck und Erwartungen mein Werk schaffe. Gelegentlich zeige ich meine Arbeit, um Austausch und Resonanz zu finden. Das gibt mir neue Impulse für meine Arbeit, steht jedoch nicht im Mittelpunkt meines künstlerischen Anspruchs.


- Mein Anspruch ist als Kunstschaffende mein Einkommen zu bestreiten

Ich sehe die Künstlerschaft als einen Beruf. Dabei ist genauso relevant wie das Schaffen von Werken, Käufer bzw. Förderer für meine Kunst zu haben. Unternehmerisch zu denken und zu handeln ist indiskutables Festbestandteil meiner Künstleridentität.


- Mein Anspruch ist eine herausragende künstlerische Position zu schaffen und mein Ziel einen Platz auf die große Kunstbühne zu gelangen

Als Künstler*in beanspruche ich mich mit wichtigen künstlerischen Positionen zu messen und die Kunst in ihrer historischen Entwicklung zu beeinflussen, zu ergänzen. Das treibt mich um mich mit dem historischen und zeitgenössischen Kunstdiskurs tief auseinanderzusetzen sowie aktiven Kontakt mit den Akteuren des Kunst Establishments (Fachleute, Galeristen, Sammler) zu haben.


Solche klar konturierte Beispiele können nur als Denkanstoß dienen. In der Realität sind die Sachen selten so scharf und klar von einander getrennt. Viel mehr mischen und verändern sich unsere Ansprüche, Wünsche und Taten. Desto relevanter ist kontinuierlich darüber zu reflektieren und ganz ehrlich mit sich selbst über das WARUM und WOZU der künstlerischen Tätigkeit zu sein.


ZU KURZ GEKOMMEN?

Hier ein Paar Literaturtipps über:


a. Historische Entwicklung des Künstlerbegriffes

- Verena Krieger: Was ist ein Künstler? Genie-Heilsbringer-Antikünstler. Eine Ideen- und Kunstgeschichte des Schöpferischen. Deubner Verlag, 2007.

- Beatrice von Bismarck: Effizienz und Verschwendung. Paradoxien des Künstlerbildes im 21. Jahrhunderts. In: Hg. Fastert, Joachimides, Krieger: Die Wiederkehr des Künstlers. Themen und Positionen der aktuellen Künstler*innen Forschung. 2011 Böhlau Verlag. S. 147-153


b. Künstlerleben

Alina Gause: Kompass für Künstler. Ein persönlicher Wegbegleiter für Kreative. Springer, 2016.

David Bayle und Ted Orland. Kunst und Angst. Feststellungen über die Gefahren (und Belohnungen) des Kunstschaffens. Dekel Publishing House, 2014.